Ein Knochenjob - Tierknochen und ihre Aussagemöglichkeiten morepublished in: Bayerische Archäologie 2/2007, 18 – 21. |
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Bei fast jeder Ausgrabung kommen
sie neben Keramikfragmenten,
Stein- und Silexgeraten zutage, gleich,
um welche Epoche der Vor- oder Friih-
geschichte es sich handelt: Knochen von
Wild- und Haustieren. Friiher wurden
sie oft nicht beachtet und schon gar nicht
bestimmt - manchmal wurden sie ein-
fach weggeworfen. Mittlerweile aber hat
man erkannt, wie wichtig sie sind, denn
sie verraten viel iiber die Lebensweise
der damaligen Menschen.
Wechselbeziehungen zwischen
Tier und Mensch
Tiere hatten seit jeher eine grofie Bedeu-
tung fiir den Menschen. Zum einen sind
sie wichtige Rohstofflieferanten: Vom
lebenden Tier kann man beispielsweise
Milch, Wolle oder Eier gewinnen, vom
Typische Haustiere
Mitteleuropas:
Rind, Pferd, Ziege, Schaf,
Schwein, Hund, Huhn und Katze.
Knochenreihe oben (v. 1.):
Mittelhandknochen von Elch,
Pferd, Rothirsch, Rind, Ziege,
Schaf, Wildschwein und Hund.
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Bayerische Archaologie 2 / 2007
Ein
Knochenjob
/
getoteten Tier Fett, Fleisch und Blut als
Nahrung, aber auch die Haut zur Her-
stellung von Leder, Knochen, die als
Rohmaterial fur Gerate genutzt werden
konnen, ebenso wie Geweih und Horner,
Sehnen und Innereien.
Doch Tiere sind nicht nur Rohstofflie-
feranten. Auch ihre Arbeitskraft war fur
den Menschen von Bedeutung. Rinder,
Pferde, Esel und auch Hunde dienten als
Zugtiere; Pferde, Esel, Maultiere und
Maulesel als Reittiere. Und schlieRlich
spielten und spielen Tiere in der Religion
eine grofie Rolle. Man denke nur an die
Malereien der Altsteinzeit in den Hohlen
Spaniens und Italiens, wo verschiedene
Jagdtiere - Wildrinder und Wildpferde,
Rentiere, Hirsche, Baren und andere -
abgebildet sind. In vielen vorgeschicht-
lichen Kulturen, zum Beispiel in der
spaten Bronzezeit, spielen Vogel eine be-
sondere Rolle. Und selbst im Chris-
tentum finden sich noch wichtige Tiere:
zum Beispiel der Fisch, den friihe Chris-
ten als Erkennungszeichen nutzten, weil
die Buchstaben des griechischen Wortes
fur Fisch, »ichthys«, als Abkiirzung fur
»Jesus Christus, Gottes Sohn, Erl6ser«,
gelesen werden konnten; oder das Lamm
als Symbol fur Jesus; oder die Taube als
Zeichen des Heiligen Geistes.
Die Bestimmung
Tierknochen zu bestimmen, ist nicht ein-
fach. Weil Tiere oft als Nahrung dienten,
wurden ihre Knochen zerstiickelt und
kleingehackt, sodass es unter Um-
standen schwierig ist, sie einer Tierart
zuzuordnen. Um Tierknochen zu bestim-
men, braucht man daher einen Archao-
zoologen, einen Fachmann, der auf diese
Arbeit spezialisiert ist.
Tierknochen bestimmen - wie geht
das? Die Bestimmung ist moglich, weil
unterschiedliche Tierarten an unter-
schiedliche Lebensraume angepasst sind
und deswegen die Knochen unterschied-
lich mechanisch beansprucht werden.
Zug- und Druckkrafte modifizieren den
Knochen, sodass mit einem Minimum an
Material ein Maximum an Leistung er-
zielt werden kann. So wird ein Pferd, ein
Tier, das viel und schnell lauft, ganz an-
ders geformte Knochen benotigen als
zum Beispiel eine Ziege, die in bergigem
Gelande zu Hause ist, wo es wichtig ist,
gut klettern zu konnen.
Sind die Knochen sehr klein fragmen-
tiert oder besteht Unsicherheit in der Zu-
weisung zu einer Tierart, kann sich der
Archaozoologe behelfen, indem er das
auf der Ausgrabung gefundene Bruch-
stiick mit einem ganz erhaltenen Kno-
chen vergleicht, den er sicher einer Tier-
art zuordnen kann. Dafur ist es wichtig,
eine Vergleichssammlung mit Skeletten
verschiedener Tierarten zu haben. Je
groBer die Vergleichssammlung ist, das
heiftt, je mehr Tierarten vertreten sind,
desto besser konnen Tierknochen bes-
timmt werden. So umfasst zum Beispiel
die Vergleichssammlung in Miinchen
iiber 14 000 verschiedene Wirbeltier-
Skelette (Saugetiere, Vogel und Fische),
und in einem speziellen Studiengang,
»Palaoanatomie, Domestikationsfor-
schung und Geschichte der Tiermedi-
zin«, wird unter anderem auch die Be-
stimmung von Tierknochen gelehrt.
Bei seiner Arbeit ist der Archaozoologe
von der Genauigkeit des Archaologen auf
der Ausgrabung abhangig. Je sorgfalti-
ger gegraben wird, desto mehr Tierkno-
chen werden gefunden. NaturgemaB
sind stabile groGe Knochen, zum Beispiel
Langknochen der Vorder- oder Hinter-
laufe eines Pferdes oder Rindes, leichter
zu finden als solche kleinerer Tiere, etwa
eines Hasen oder einer Katze. Noch
mehr Aufmerksamkeit braucht es, Vo-
gelknochen zu finden. Sie sind hohl und
daher sehr zerbrechlich. Auch Fischkno-
chen sind schwer zu finden, sie sind oft
weich und diinn. Knochen kleiner Sauge-
Bayerische Archaologie 2 / 2007
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Valeska Becker (r.) erlautert
Mitgliedern der Gesellschaftfur
Archaologie in Bayern die Fein-
heiten der Tierknochenbestim-
mung.
tiere, zum Beispiel Ratten, oder Knochen
von Reptilien oder Amphibien zu finden,
erfordert ebenfalls grofie Genauigkeit bei
der Ausgrabung.
Wie geht nun der Archaozoologe vor,
wenn er Material einer Ausgrabung zur
Bestimmung erhalt? Folgende Beispiele
geben einen Einblick in diese Arbeit und
zeigen, wieviele Tierknochen dazu
beitragen konnen, ein Bild vorge-
schichtlichen Lebens zu zeichnen.
An die Arbeit - Tierknochen geben
ihre Geheimnisse preis!
Der erste Schritt in der Analyse von
Tierknochen ist die Artbestimmung.
Hier wird geklart: Um welches Tier han-
delt es sich? Welche Tiere kommen in
einer Siedlung iiberhaupt vor? Welche
Wildtiere, welche Haustiere wurden ge-
nutzt? AnschlieBend wird untersucht,
wie haufig die verschiedenen Tierarten
sind. Das hat zum Ziel, das Verhaltnis
von Haustierhaltung zu Jagd, Fischfang
und Sammelwirtschaft darzustellen und
die Bedeutung von Jagd im Vergleich zur
Haustierhaltung zu beurteilen. Dafiir
miissen die Knochen der einzelnen Tier-
arten ausgezahlt werden.
Dann versucht man, die Mindestindi-
viduenzahl zu ermitteln: Wie viele Tiere
einer Art sind mindestens im Fundgut
vorhanden? Dies geschieht, indem ge-
zahlt wird, wie oft einzelne Skelettele-
mente einer Art vorkommen. Schliefilich
werden die Knochen auch gewogen, da-
mit festgestellt werden kann, welche
wirtschaftliche Bedeutung eine Tierart
hatte. So brachten etwa hundert Rinder-
knochen sicherlich mehr Fleisch auf die
Waage als hundert Schafsknochen. Da-
mit wird es moglich, einen Teil der
Wirtschaftsweise einer Siedlung oder
auch einer archaologischen Kultur zu re-
konstruieren.
Interessant ist nun, ob Tiere haupt-
sachlich zur Deckung des Fleischbedarfs
gehalten wurden, oder ob man in einer
Siedlung auch eine gewerbliche Nutzung
bestimmter Teile eines Tiers erkennen
kann. Um diese Frage zu beantworten,
muss man die Haufigkeit der Skelett-
elemente bei den einzelnen Tierarten
feststellen.
Findet man hauptsachlich fleischrei-
che Korperteile, so kann man davon aus-
gehen, dass die Haltung von Tieren oder
die Jagd der Ernahrung dienten. Findet
man dagegen groRe Mengen nur be-
stimmter Korperteile, zum Beispiel le-
diglich Teile von Schadeln und Zehen, so
konnte man vermuten, dass hier ein Be-
(v. 1. n. r.) Oberschenkelknochen
von Pferd, Hund, Hase, Krahe
und Ratte.
trieb zur Lederverarbeitung stand: Die
Haute der getoteten Tiere, an denen
noch Kopf und FiiBe hangen, werden an-
geliefert und weiterverarbeitet.
An einigen Knochen findet man Spu-
ren, die beim Toten des Tieres und bei
seiner Zerlegung entstanden sind. Die
Grobzerlegung hinterlasst zum Beispiel
Hackspuren, wahrend die Feinzerlegung
mit einem Messer nicht immer zu Spu-
ren fiihren muss. Schnittspuren an den
Knochen konnen entstehen, wenn Ske-
lettteile voneinander getrennt werden.
Man findet sie zum Beispiel an den Ge-
lenken, dort, wo Bander und Sehnen
Korperteile zusammenhalten. Auch,
wenn der Muskel vom Knochen ge-
schnitten wird, kann dies Spuren hinter-
lassen.
Es ist schlieBlich auch zu beobachten,
dass Skelettteile portioniert und in
topfgerechte Stiicke geschnitten wurden.
Manchmal wurden Knochen noch dazu
■
der Lange nach aufgeschlagen, um an
das Mark zu gelangen.
Die Analyse dieser Schlachtspuren
kann zeigen, ob jeder Haushalt fur sich
selber schlachtete - dann sind die Hack-
und Schnittspuren sehr unterschiedlich -
oder, ob die Schlachtung genormt war
und von erfahrenen Metzgern durchge-
fiihrt wurde - dann sind diese Spuren re-
lativ einheitlich.
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Alter und Geschlecht der Tiere geben
Auskunft dariiber, welche Nutzungsziele
im Vordergrund standen und wie sich
die Herden zusammensetzten. Das Alter
lasst sich an den Gelenkenden verschie-
dener Knochen oder an den Zahnen fest-
stellen - auch Tiere haben Milchzahne,
und wenn sie alter werden, kann man ihr
Alter am Durchbruch der bleibenden
Zahne und unter Umstanden am Abkau-
ungsgrad erkennen das Geschlecht
zum Beispiel an der KorpergroBe (Mann-
chen sind bei den meisten Tierarten gro-
Ber als Weibchen), an der Auspragung
der Horner bzw. des Geweihs, an den
Zahnen oder am Becken. Findet man
nun in einer Herde hauptsachlich Tiere,
die in einem Alter geschlachtet wurden,
als sie eben ausgewachsen waren, so gibt
das einen Hinweis darauf, dass die Tiere
gehalten wurden, bis sie ihr voiles
Fleischgewicht erreicht hatten. Findet
man dagegen vermehrt altere Tiere, so
steht ein anderer Nutzen im Vorder-
grund. Handelt es sich um Weibchen, so
kann man bei Rindern z. B. an Milchnut-
zung denken. Bei Mannchen, z. B. bei
Schafen, mochte man an die Wollnut-
zung denken, und altere mannliche Rin-
der, besonders Ochsen, konnten als Zug-
tiere gedient haben.
SchlieBlich werden die Knochen noch
vermessen. Dabei kann man an einem
Knochen ausrechnen, wie groB ungefahr
das ganze Tier war - ein Hinweis auf den
Stand der Tierzucht.
Wenn man sich Tierknochen genau an-
sieht, erkennt man, dass sich manchmal
Krankheiten und Verletzungen am Ske-
lett abzeichnen. Solche Veranderungen
ergeben sich auf Grund von abnormalen
Belastungen durch Krankheiten, manch-
mal auch durch eine nicht artgerechte
Haltung des Tieres. Zu solchen patholo-
gischen Veranderungen gehoren etwa
Knochenbriiche, Unregelmafiigkeiten
am Gebiss, Verbrauchs- und Uberlas-
tungserscheinungen, Folgen von Ent-
wicklungs- oder Stoffwechselstorungen
sowie von Infektionskrankheiten. ■
Wenn Archaologie und Archaozoologie
zusammenhelfen, kann ein lebendiges
Bild des vorgeschichtlichen Menschen
entstehen. Die Analyse von Tierknochen
ist eine reiche Informationsquelle, die
man bei jeder Ausgrabung unbedingt er-
schlieBen sollte. <
Das Knochenklavier
Hier lagern die Skelettoktaven
Wer im Knochenklavier landet, der hat
seine letzten Tone gemacht. Hier in der
Abteilung Palaoanatomie der Staats-
sammlung fur Anthropologic und Pa-
laoanatomie in Munchen stapeln sich
die Knochen der verblichenen Tierarten
in roten Kisten. Pro Kiste ein bestimm-
ter Knochen in der Ausfertigung diver-
ser Tierarten. »Knochenklavier: Tibia/
Fibula« steht auf einer solchen Kiste.
»Das sind die Schien- und Wadenbeine
von etwa funfzehn Tierarten, und
manchmal mehrere einer Tierart, weil
die ja auch wieder variieren konnen«,
sagt Henriette Obermaier, Kuratorin bei
der Staatssammlung. Und weil ein Wir-
bel eines Steinbocks durchaus unter-
schiedlich ausgepragt sein kann - im
Gegensatz zu mehr funktionaleren Ske-
lettteilen, die bei einem Tier nur ganz
bestimmt gebaut sein konnen -, hat man
hier in Munchen erst einmal 30 Stein-
bockskelette verglichen, ehe man sicher
sagen konnte, dass Otzi ein Stuck von
einem Steinbockwirbel als Mahlzeitrest
dabei hatte.
Im Institut am Karolinenplatz lagern
hauptsachlich heimische Wild- und
Haustiere, die komplette Sammlung
aber hat rund 20 000 Skelette von etwa
3000 Arten. Eins der seltensten: das
Blauschaf; heimisch im hohen Himala-
ya, und als Skelett eine Raritat. Skelette
kommen von Zoos, vom Fischmarkt
oder von unterwegs, wenn die Forscher
irgendwo auf ein verendetes Tier sto-
Ben, das noch in die Sammlung passt.
Aus der ganzen Welt kommen Forscher
hierher, natiirlich gibt's
auch anderswo solche
Knochenklaviere, »aber
wir haben zum Beispiel
eine der besten Vogel-
sammlungen«, sagt
Henriette Obermaier.
Pfeifen tun die nicht
mehr. mt
Henriette Obermaier
(1.) mit der Studen-
tin Juliane Lengning
beim Knochenstu-
dium.
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