Tierknochen und Flötenfunde aus dem hochmittelalterlichen Burgstall von Hütt, Markt Eichendorf, Lkr. Dingolfing-Landau morepublished in: K. Schmotz (Hrsg.), Vorträge des 21. Niederbayerischen Archäologentages (Rahden/Westf. 2003) 201 – 212. |
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Vortrage des 21. Niederbayerischen
Archaologentages
201-212
4 Abb.
Rahden/Westf.
2003
TIERKNOCHEN- UND FLOTENFUNDE AUS DEM
HOCHMITTELALTERLICHEN BURGSTALL VON HUTT,
MARKT EICHENDORF, LKR. DINGOLFING-LANDAU
VALESKA BECKER
Denkt man an mittelalterliche Essgewohnheiten, so drangt sich einem das
Bild wilder Ritter auf, die den ganzen Tag auf der Jagd verbrachten und in
Massen kapitale Hirsche, Rehe und Wildschweine erlegten. Dieses Kli-
schee, von zahlreichen schlechten Filmen und Biichern genahrt, hat jedoch
mit der Wirklichkeit wenig zu tun. Allzu bereit wird vergessen, dass im
Laufe des Mittelalters eine Reihe von Kochbuchern erschien1, deren Kost-
lichkeiten noch heute zitiert und zubereitet werden, dass eine Menge bis
dato unbekannter Gewiirze wie Muskatnuss und Gewiirznelken in den Kii-
chen Eingang fanden, dass eine ganz eigene Ess- und Kochkultur entstand,
die nur noch wenig mit den Gebrauchen und Traditionen der Antike zu tun
hatte.
Entgehen den archaologischen Nachforschungen schon in der Regel all die
in Kochbuchern beschriebenen Backwaren, Pasteten und SuBigkeiten, so
stehen wir, was Fleischgerichte betrifft, auf etwas sichererem Boden, kom-
men doch bei alien Grabungen in Burgen Tierknochen zutage, die Uberre-
ste der Speisen des mittelalterlichen Menschen. Mittels archaozoologi-
scher Bestimmungen lasst sich das klischeehafte Bild der wilden
Rittersleut' zurechtriicken und um eine Reihe interessanter Aspekte berei-
chern.
So fand man auch bei alien Grabungskampagnen im hochmittelalterlichen
Burgstall von Hiitt Tierknochen, die mir von cand. phil. F. Eibl zur Be-
arbeitung ubergeben wurden2 und deren Untersuchung im Rahmen einer
osteologischen Ubung am Institut fiir Palaoanatomie und Domestikations-
forschung der Universitat Mtinchen erfolgte3.
Das Material
Die Funde, deren Masse ins 12./13. Jahrhundert datiert, stammen sowohl
aus dem AuBen- als auch dem Innenbereich des Wohngebaudes (Abb. 1).
Der im AuBenbereich angelegte Sudschnitt erbrachte Knochen aus einer
201
VALESKA BECKER
nach der Auflassung verfiillten Grube, mutmaBlich einer Kellergrube. Das
Tierknochenmaterial aus dem Nordschnitt im AuBenbereich kam aus meh-
reren dort nachgewiesenen Planierschichten und der Verfiillung einer Grab-
grube.
Was die Tierknochen im Innenraum des Wohnturmes betrifft, so ergibt sich
auch hier eine Gliederung des Materials in Funde, die einerseits aus Befun-
den (i.e. Pfosten- und Kellergruben), andererseits aus Planierungen (Aus-
gleichs- bzw. Isolierschichten) und Laufhorizonten stammen.
Insgesamt liegen 910 Knochenfragmente mit einem Gesamtgewicht von
1695 g vor, von denen 592 bestimmt werden konnten, was 65 % des Ge-
samtmaterials entspricht. Die bearbeiteten Funde waren im allgemeinen
gut erhalten, wenn auch zum groBten Teil stark fragmentiert, wie dies bei
Speiseabfallen die Regel ist. Deshalb konnten nur in Ausnahmefallen
MaBe genommen werden. Lediglich ein kleiner Prozentsatz der Knochen
stammt von Kleinsaugern und Amphibien. Dank der sorgfaltigen Arbeits-
methode - der gesamte Aushub wurde gesiebt - erbrachte die Ausgrabung
auch kleine und kleinste Fragmente.
An 53 Knochen waren Hack- und Schnittspuren auszumachen. Feuerein-
wirkung war nur ausnahmsweise nachweisbar, relativ haufig jedoch fan-
den sich Spuren von Hunde- und Nagerverbiss.
76 % der bestimmbaren Knochen stammen von den Haustieren Schwein,
Rind, Schaf, Ziege, Huhn und Gans (Abb. 2), 14 % verteilen sich auf eine
Reihe von Wildtieren, 10 % der Knochen lieBen sich nicht eindeutig einem
Haus- oder Wildtier zuweisen. Unterscheidungsprobleme ergaben sich hier
bei Haus- oder Graugans, Haus- oder Stockente, einer Reihe nicht naher
bestimmbarer Vogelknochen sowie einiger Knochen, die nur kleinen Wie-
derkauern insgesamt (i.e. Schaf, Ziege oder Reh) zugeordnet werden kon-
nen.
Haustiere
Schwein (Sus domesticus)
Mit 322 Knochen und einem Gesamtgewicht von 959,5 g ist das Schwein
das am haufigsten verzehrte Tier und bildet mit 57 % vom gesamten Kno-
chenmaterial und 71 % aller Haustierknochen die wichtigste Grundlage ftir
die Fleischversorgung. Das Gros der Knochen stammt aus dem Siidschnitt
im Westbereich der Kirche (ehemaliger AuBenbereich). Vierundzwanzig
Knochen stammen von Jungtieren: In einem Fall konnte das Schlachtaiter
auf unter 15 Monate festgelegt werden, womit der Verzehr von Span-
202
TIERKNOCHEN- UND FLOTENFUNDE
INNEN AUBEN
Planierung Objekt Slidschnitt Nordschnitt
HAUSTIERE
Schwein 82 18 202 20
Rind 9 1 91 i 1
Schaf 2
Schaf/Ziege 1ft AO •3 25 •
Haushuhn 9 8 6
Hausgans 12 7 3 4
HAUS- ODER WILDTIERE
Haus-/Graugans 3 3 6
Haus-/Stockente 1 1
Schaf/Ziege/Reh 7 4 1
WILDTIERE
Feldhase (Lepus europaeus) 9 1
Waldmaus (Apodemus sylvaticus) 44
Gartenschlafer (Eliomys quercinus) 1
Graugans (Anser anser) 1
Fischreiher (Ardea cinerea) 1
Rebhuhn (Perdix perdix) 1
ErdkrOte (Bufo bufo) 1
Krote unbest. 1
Frosch unbest. 3 1 1
Grasfrosch (Ran/i PKrulnnln\ 12
Strauchschnecke (Fruticicola fruticum) 2
Barbe (Barbus barbus) 1
Hasel/D6bel (Leuciscus leuciscuslLxephalus) 2
Flussmuschel (Unio crassus) 2
UNBESTIMMT
Vogel unbest. 19 5 7
Unbestimmt 58 8 240 12
Gesamtgewicht/Gramm 536 78 976 105
Gesamtfundmenge/Stiick 238 101 530 41
Abb. 1: Eichendorf-Hiitt. Ziisammenstellung der Tierknochen aus den verschiedenen
Bereichen.
ferkeln nachgewiesen ist. Der hohe Anteil an Schweinefleisch ist zugleich
auch als Indikator fur die wirtschaftliche Potenz der Ministerialien von
Hiitt zu sehen, die ganz offensichtlich im Hochmittelalter hauptsachlich
Schweine als Abgaben erhielten (s. u.).
Rind (Bos taurus)
Vom Rind stammen lediglich 31 Knochen, was 7 % der Haustierknochen
203
VALESKA BECKER
entspricht. Rinder wurden wohl mehr als Milch- und Arbeitstiere denn als
Fleischlieferanten genutzt, doch auch verzehrt, wie einige Schnittspuren
auf Rippen und Radii belegen. Ochsen-, Hammel- und Kuhfleisch gait als
■ •
„erdverbunden" und schwer verdaulich, weshalb Arzte dem Adel eher den
Verzehr von Jungtieren empfahlen4.
SchaflZiege (Ovis aheslcapra hircus)
Die Knochen von Schaf und Ziege verteilen sich zu nahezu gleichen Teilen
auf den AuBen- und Innenbereich des Wohngebaudes. Wie beim Rind war
der Nutzungszweck speziell der Schafe nicht allein auf ihr Fleisch be-
schrankt, denn sie lieferten auch Milch und Wolle. Sieben der 48 Knochen
stammen von Jungtieren.
Schnitt-, Hack- und Verbissspuren
Bei Knochen von Schwein, Rind, Schaf und Ziege konnten Spuren der
Zerlegung und Filetierung sowie des Aufschlagens zur Markgewinnung
festgestellt werden (Abb. 3). Z. B. beim Hausschwein zeigt sich sehr hau-
fig, dass im Laufe der Zerlegung des Korpers bei der Spaltung der Wir-
belsaule in paramedianer Richtung Querfortsatze einzelner Wirbel abge-
hackt wurden, anschlieBend erfolgte die Trennung der Extremitaten vom
Korper. Beweise hierfiir sind etwa Hackspuren im Bereich des Collum der
Scapula sowie am proximalen Ende eines Metacarpus und an der caudalen
Seite zweier Lendenwirbel. Schnittspuren finden sich an zahlreichen Rip-
pen, auch proximal an der Ulna, am Schaft vom Radius und am Becken5.
Hochstwahrscheinlich erfolgte die Schlachtung auf der Burg, denn im
Fundgut traten auch wenig fleischreiche Teile wie FiiBe und Schadel auf.
Ware die Schlachtung an einem anderen Ort erfolgt, so waren wohl nur
fleischreiche Teile im Fundgut vertreten6.
Die Knochen waren offensichtlich zumindest teilweise fiir Hunde und
Nager zuganglich, denn an etlichen Stiicken finden sich Verbissspuren.
Benagt wurden vorrangig vorstehende Enden von Knochen, z. B. distale
Enden von Ulna, Tibia, Fibula und Phalangen, der distale Bereich des Ra-
dius, Teile der Pelvis und die Gelenkkopfe der Rippen. Weitere Verbiss-
spuren zeigen sich auch an der Mandibula. Unklar bleibt, ob die Knochen
unbeabsichtigt oder intentionell Hunden zum Fressen zuganglich waren.
Hausgefliigel (HaushuhnlHausgans; Gallus gallus domesticusl
Anser anser domesticus)
Das Haushuhn als Fleisch- und Eierlieferant spielte sicherlich eine groBe
Rolle in der Ernahrung der Bewohner von Hiitt, denn immerhin 5 % der
204
TIERKNOCHEN- UND FLOTENFUNDE
Fundzahl Prozent Gewicht(Gramm) Prozent
Y~*v * ft Rind 32 7,1 260,5 17,7
Schaf 2 0,4 39 2,7
Schaf/Ziege 46 10,2 170 11,6
Schwein 322 « ft J 71,4 959,5 65,3
Huhn 23 5,1 13,5 0,9
Gans 26 5,8 26 1,8
Gesamt 451 100 1468,5 100
A/>/?. 2: Eichendorf-Hutt. Zusammenstellung der Haustierknochen.
Haustierknochen stammen vom Huhn, sogar 6 % von der Hausgans. Bei
Gansen ist neben der Nutzung des Fleisches auch an eine Weiterverwen-
dung der Federn zu denken. Gefliigel konnte auf hoch- und spatmittelal-
terlichen Burgen teilweise sehr hohe Anteile im Tierknochenmaterial ein-
nehmen, was sicherlich auch mit der Zusammensetzung der Abgaben der
Bauern zusammenhangt7. Fiinf Huhner- und ein Ganseknochen stammen
von Jungtieren.
Haus-1 Stockente (Anas platyrhynchos s. A. platyrhynchos domesticus)
Von der Stockente fanden sich lediglich zwei Knochen, bei denen eine Un-
terscheidung nach Haus- oder Wildtier nicht moglich ist8. Hausenten
lieBen sich in dem wenig umfangreichen Fundmaterial nicht nachweisen.
Wildtiere
Fisch- oder Graureiher (Ardea cinerea)
Sicherlich zur Jagdbeute zu rechnen ist der durch einen Halswirbel im
Fundgut vertretene Fischreiher. Reiher, besonders wohl Jungvogel, stellten
im Mittelalter eine Delikatesse von einigem Wert dar9. Der Fischreiher
fand in der wasserreichen Gegend um den Burgstall von Hiitt wohl ausrei-
chenden Lebensraum.
In seinem Werk „De arte venandi cum avibus" beschreibt Friedrich II. die
Jagd auf Reiher mit Wiirgfalken10; auch die Jagd auf Wildganse mit Falken
ist moglich. Direkte Hinweise auf Beizjagd fehlen jedoch.
Rebhuhn (Perdix perdix)
Bisher nur mit einem Tarsometatarsus ist das Rebhuhn vertreten. Es bevor-
zugt als Kulturfolger des Menschen offenes Gelande, Wiesen und Acker-
flachen.
205
VALESKA BECKER
Feldhase (Lepus europaeus)
Der Feldhase ist durch zehn Knochen, die allesamt im AuBenbereich des
Wohnturmes zutage kamen, nachgewiesen. Sicherlich wurde er als Fleisch-
und Felllieferant gejagt.
Waldmaus (Apodemus sylvaticus)
44 Knochen stammen von mindestens drei Individuen. Ein Verzehr kann
eigentlich ausgeschlossen werden,; vielmehr hatten die Bewohner von
* •
Htitt wahrscheinlich Arger mit lastigen Nagern.
Hasel oder Dohel (Leuciscus leuciscus s. Leuciscus cephalus)
und Barbe (Barbus barbus)
Die Auffindungswahrscheinlichkeit von Fischknochen ist auf Grund ihrer
geringen GroBe meist schlecht. Durch das Sieben konnten jedoch Fisch-
knochen entdeckt werden, unter denen Hasel oder Dobel mit zwei Kno-
chen vertreten sind. Die in Deutschland vorkommenden Leuciscus-Arten
Dobel, Hasel und Aland unterscheiden sich osteologisch kaum11. Alle
Arten leben in schnellen FlieBgewassern, ihr Fleisch ist gratenreich, doch
schmackhaft12. Die Barbe bevorzugt, wie der Hasel, schnelle klare FlieB-
gewasser. Fisch gehorte in Hiitt sicherlich nicht zur Ernahrungsgrundlage,
doch ist davon auszugehen, dass gerade wahrend der Fastenzeit Fisch eine
Abwechslung im Speiseplan bildete. Die wasserreiche Umgebung von
Hiitt, die noch bis in jiingere Zeit von zahlreichen Altarmen der Vils,
Bachen und Ttimpeln durchsetzt war, bot den Bewohnern der Burg sicher-
lich ausreichende Moglichkeiten zum Fischfang.
Erdkrote (Bufo bufo) und Grasfrosch (Rana esculanta)
Nahezu alle Kroten- und Froschknochen stammen aus Planierungs- bzw.
Laufhorizonten im Inneren des Wohnturmes. Eine Deutung gestaltet sich
schwierig. Die Tiere konnen einerseits beim Aufbringen einer Isolier-
schicht unbeabsichtigt mit ins Fundgut geraten sein oder sich an evtl.
feuchten Stellen verkrochen haben. Denkbar ist jedoch auch, dass beson-
ders die Frosche zum Verzehr dienten.
Strauchschnecke (Fruticicola fruticum)
Die Gehause zweier Strauchschnecken fanden sich in der Verfiillung der
Kellergrube im AuBenbereich des Wohngebaudes. Sie sind wohl als zufal-
lige Einmischung zu werten.
Gemeine Flussmuschel (Unio crassus)
Im Fundgut tauchten zwei Klappen der Gemeinen Flussmuschel auf. Die-
206
TIERKNOCHEN- UND FLOTENFUNDE
Abb. 3: Eichendorf-Hutt. Verbiss (schwarz) sowie Hack- unci Schnittspuren am Schweine-
skelett (schematisiert).
ses sicherlich schmackhafte, heute geschiitzte Tier mag als Schmankerl
beispielsweise die Fastenzeit ertraglicher gemacht haben.
Gartenschlafer (Eliomys quercinus)
Dieses bis 17 cm groBe Nagetier zahlt zur Familie der Bilche (Gliridae),
nachtaktiver Baum- und Buschkletterer, zu der auch der Siebenschlafer
und die Haselmaus gehoren. Denkbar ware, dass der Gartenschlafer seines
Felles und auch seines Fleisches wegen gejagt wurde13, moglich ist aber
auch, dass er sich in der Burg (in einem evtl. vorhandenen Dachboden?)
eingenistet hatte.
Nicht im Fundgut erschienen Hunde- und Pferdeknochen. Pferdeknochen
werden auf Burgen generell nur in kleinen Mengen gefunden. Dies hangt
hochstwahrscheinlich damit zusammen, dass Pferdefleisch nur eine unter-
geordnete Rolle in der Ernahrung spielte und das Pferd, vorrangig als
Last-, Zug- und Reittier eingesetzt, einen anderen Stellenwert im Leben
der Menschen einnahm als die gewohnlichen Haustiere14. In diesem Zu-
sammenhang ist auch das Fehlen der Hundeknochen zu sehen. Hunde sind
jedoch indirekt durch Verbissspuren an zahlreichen Knochen belegt, Pfer-
de durch den Fund von Hufnageln.
Haustierhaltung und Jagd in Hiitt
Solange die hochmittelalterliche Burganlage von Hiitt nicht vollstandig
bekannt ist, mussen Fragen, die unter anderem die Haustierhaltung betref-
207
VALESKA BECKER
fen, naturgemaB offen bleiben. War das Burgareal von ausreichender
GroBe, so ist mit Haustierhaltung in kleinerem oder groBerem Umfang zu
rechnen; war jedoch nicht geniigend Platz vorhanden, stammen die Tiere
vor allem von Bauern der Umgebung, die ihre Abgaben in Form von
Schlachttieren bezahlten15.
Leider ist iiber die hochmittelalterliche Besiedlung des Umfelds der Burg
von Hiitt nichts bekannt; vergleichende Analysen zur Ernahrungsweise der
Burgherren und der Bauern konnten evtl. interessante Unterschiede auf-
zeigen16. Diese Fragen miissen aber zunachst zuriickgestellt werden.
Wie ofter beobachtet werden kann, iiberwiegt auch in Hiitt die Anzahl der
Haustierknochen bei weitem die der Wildtierknochen17. Zudem fehlt bis-
lang „typische" Jagdbeute wie Rothirsch, Reh und Wildschwein. Hierfur
gibt es verschiedene Erklarungsmodelle: Denkbar ist beispielsweise, dass
die Landschaft um die Burg bereits stark abgejagt war und Reh, Rothirsch
und Wildschwein kaum noch oder gar nicht mehr vorkamen. In Betracht
zu ziehen ist ferner, dass die Jagd moglicherweise vor allem als Sport,
Ubung ftir den Krieg oder Zurschaustellung mannlicher Tugenden diente
und nicht vorrangig den Zweck hatte, Fleisch fiir die Ernahrung heranzu-
schaffen, dass also gar nicht so oft gejagt wurde. Fand eine Jagd statt, so
wurden vielleicht auch Teile des erlegten Wildes an Ort und Stelle von
Jagern und Hunden verzehrt, was den archaologischen Nachweis ein-
schranken wiirde18. Noch der Klarung bedarf die Frage, ob die Hiitter
Ministerialien nur das Jagdrecht auf Niederwild (Reh, Hase, Gans, Ente
etc.) und nicht auf Hochwild (v. a. Rot- und Schwarzwild) besaBen.
Festzuhalten bleibt, dass die Bewohner des Ministerialensitzes von Hiitt
keinesfalls den Hauptteil ihres Fleischkonsums durch Wildbret deckten,
sondern vielmehr Schweinefleisch am haufigsten verzehrt wurde. Sicher-
lich gingen sie bisweilen auf die Jagd, was Hasen-, Fischreiher- und Reb-
huhnknochen belegen; auch Fisch verschmahten sie nicht. Die Jagd spiel-
te jedoch keine herausragende Rolle. Wunschenswert waren weitere Gra-
bungen, die sicherlich das Material bereichern und moglicherweise sogar
das Artenspektrum noch erweitern.
Flotenfunde aus Hiitt
Im Tierknochenmaterial fand sich bei der Bestimmung das Fragment der
Ulna einer Gans, die Bearbeitungsspuren aufweist. Der Knochen ist noch
in einer Lange von 6,45 cm erhalten und zeigt zwei durch Kerbung ent-
standene Locher. Es ist offensichtlich, dass hier versucht wurde, eine Flote
herzustellen. Am einen Ende des Fragments scheint noch der Ansatz eines
208
TIERKNOCHEN- UND FLOTENFUNDE
Abb. 4:
Eichendorf-Hutt. Flotenfragmente. - M. 1:2.
dritten Loches erkennbar zu sein. Auch das andere Ende des Fragments
weist Bearbeitungsspuren auf, aber kein Loch. Moglicherweise befand
sich hier der Mund der Flote. Eine weitere Sichtung des Tierknochenmate-
rials erbrachte noch ein zweites Fragment der Ulna einer Gans, das eben-
falls eine Lochung aufweist. Es misst 4,3 cm und unterscheidet sich hin-
sichtlich der Bearbeitung: Das Loch wurde nicht geschnitten, sondern
gebohrt. Ob es sich bei dem zweiten Fragment tatsachlich ebenfalls um
eine Flote handelt, muss dahingestellt bleiben.
Floten gehoren sicherlich mit zu den altesten Blasinstrumenten. Sie sind
bereits aus mittel- und jungpalaolithischen Zusammenhangen bekannt
geworden19. Als Ausgangsmaterial verwendete man Knochen von Baren,
Hunden, Ren, Elch, Rind, Schaf und Ziege, ferner die Knochen groBerer
Vogel wie Schwane, Reiher, Ganse etc., die den Vorteil besitzen, dass man
sie nicht aushohlen muss. Auch Holz wurde verwendet, blieb jedoch nur
selten erhalten20. Sogar die Verwendung menschlicher Knochen zur
Herstellung einer Flote ist belegt21.
Die Tonbildung bei der Flote erfolgt beim Anblasen22: Ein schmaler Luft-
strom wird gegen eine Kante oder Schneide geleitet, wo er sich in Wirbeln
bricht und dabei Schwingungen in einer zylindrischen oder konischen
Rohre auslost. Die Tonhohe kann durch die Verkiirzung des Rohres mittels
Offnen und SchlieBen von Grifflochern verandert werden.
Eine Unterteilung von Floten kann entweder an Hand der Spielhaltung in
Quer- und Langsfloten erfolgen; moglich ist auch eine Gliederung anhand
der Bauart in Block-, Kernspalt-, Kerb- und GefaBfloten. Die Anzahl der
Grifflocher schwankt von drei bis sieben, wobei sich ein Schwerpunkt bei
Floten mit drei Grifflochern ergibt
Das gesicherte Flotenfragment aus Hutt wurde als Langsflote gespielt.
Nicht ganz klar ist, ob am Flotenende ein Kem aus organischem Material
it
209
VALESKA BECKER
eingesetzt war, es sich also um eine Kernspaltflote handelte, oder ob, was
auf Grund des geringen Durchmessers des verwendeten Knochens wahr-
scheinlicher ist, das Flotenende eine Kerbung in U- oder V-Form aufwies,
iiber die die Luft geblasen wurde (Kerbflote).
Mittelalterliche Floten sind aus Bayern bisher kaum bekannt geworden.
Die Mehrzahl der Flotenfunde kam in Norddeutschland, den Niederlan-
den, Danemark und Siidskandinavien zutage23.
Im Gegensatz zu den auf hochmittelalterlichen Burgen relativ haufig vor-
kommenden Knochenpfeifen, die im allgemeinen als Signal- oder Lock-
pfeifen fiir die Jagd gedeutet werden24, kommen Floten wesentlich selte-
ner vor. Problematisch sind oft die Auffindungsbedingen, denn bei vielen
Floten handelt es sich um undatierte Einzelfunde. Gesichert alter- und
hochmittelalterliche Floten stammen aus Skandinavien, Danemark, Nord-
, Mittel-, und, mit der Flote aus Hiitt sowie einem weiteren Stiick aus
Regensburg, auch aus Suddeutschland25 (Abb. 4). Bei einer holzernen
Flote aus Wurzburg ist die Datierung hoch- oder spatmittelalterlich26.
SchlieBlich stellt sich die Frage, wer die Instrumente benutzte. Waren es
ausschlieBlich Spielleute, oder iibte sich auch der Adel im Flotenspiel?
Freilich sind die Flotenfragmente aus Hiitt hochstwahrscheinlich nicht als
Instrumente von Spielleuten zu sehen, denn zu gering ist der Querschnitt
der Ganseknochen, die darauf spielbaren Tone waren wohl recht schrill
und sehr hoch. Am ehesten wird man davon ausgehen konnen, dass es sich
vielleicht um Hirtenfloten handelt, vielleicht auch um bloBes Spielzeug
oder Spielerei.
Anmerkungen
1 Z. B. die „Wurzburger Pergamenthandschriff \ die alteste Sammlung deutschsprachiger
Kochrezepte (vgl. J. Fahrenkamp, Wie man eyn teutsches Mannsbild bey Krafften halt
(Hannover 1986), oder der Viandier, Mitte 14. Jahrhundert. Leider datieren alle Koch-
biicher friihestens ins Spatmittelalter; fur das Hochmittelalter konnen uns nur Tierkno-
chen Auskiinfte iiber die Ernahrungsweise geben,
2 Besonderer Dank gebiihrt Herrn cand. phil. F. Eibl fiir wertvolle Literaturhinweise und
Anregungen.
3 An dieser Stelle mochte ich mich herzlich bei der Leiterin der Ubung, Frau Dr. H.
Manhart, und den Teilnehmerinnen und Teilnehmern, P. Bartl, F. Eibl, M. Hagl, J. Hei-
germoser, Ch. Later, T. Maier, A. May, A. Ptitz, P. Tillessen und S. Zintl, bedanken.
Dank gebiihrt Frau Dr. H. Manhart auch fiir die Bestimmung der Fischknochen, der Mu-
schelklappen und der Schneckengehiiuse; N. Pollath M.A. danke ich sehr fiir die
Durchsicht des Manuskripts.
4 B. Laurioux, Tafelfreuden im Mittelalter (Augsburg 1999) 74.
5 Vgl. A. von den Driesch, Viehhaltung und Jagd auf der mittelalterlichen Burg Schied-
berg bei Sagogn in Graubiinden. Schriftenr. Rat. Mus. Chur 16 (Chur 1973) 14-15.
210
TIERKNOCHEN- UND FLOTENFUNDE
6 Vgl. A. von den Driesch, Tierhaltung und Jagd. Aspekte der Ernahrung auf der Burg
Sulzberg. In: Ch. Behrer et alM Burg Sulzberg. Von der Turmburg zum Jagdschloss
(Altusried 1995) 193-201 bes. 193.
7 Vgl. z. B. die „Zinshiihner" der Landvogte zu Nidau: M. Nussbaumer/J. Lang, Die
hochmittelalterlichen Haushuhner (G. gallus f. dom.) aus dem Schloss Nidau. Arch.
Kanton Bern 1, 1990, 275-296 bes. 290.
8 A. von den Driesch/H. Manhart, SchloB Murnau. Die Tierknochenfunde (13.-18. Jahr-
hundert). In: SchloB Murnau. Ein Bauwerk der Stauferzeit und seine Geschichte. Forsch.
Arch. Baugesch. Mittelalter u. Neuzeit Bayern 1 (Murnau 1994) 280-290 bes. 281. -
S. aber auch F. Spitzenberger, Die Tierknochenfunde des Hausbergs zu Gaiselberg, einer
Wehranlage des 12.-16. Jahrhunderts in Niederosterreich. Zeitschr. Arch. Mittelalter 11,
1983, 121-161 bes. 132-133. Am Caput femoris tritt bei Hausenten eine plan abge-
schliffene Facette auf.
9 Ein Grau- oder Fischreiher kostete viermal soviel wie ein Rebhuhn und mehr als vier-
mal so viel wie eine Stockente. Vgl. Spitzenberger 1983 (Anm. 8) 136. Uberliefert ist
jedoch auch eine Art des Fischfangs, bei der man sich eines Reihers bediente. Dem
Vogel wurde ein Strick um den Hals gelegt und leicht zugezogen. Das Tier wurde dann
ans Wasser gelassen und ging dort dem Fischfang nach; durch den Strick konnte es
jedoch seine Beute nicht herunterschlucken, und der Fisch gehorte dem Jager. Mundl.
Mitteilung cand. phil. M. Hofmann, Saarbriicken.
10 Zitiert nach K. Pasda, Die Tierknochen der mittelalterlichen Burg vom Warberg, Gde.
Neunburg vorm Wald, Lkr. Schwandorf, Oberpfalz. In: V. Kaufmann, Der Burgstall
Warberg bei Neunburg vorm Wald. Mat. Arch. Oberpfalz 1 (Biichenbach 1999) 101-132
bes. 123.
11 Vgl. hierzu z. B. A. von den Driesch, Fischreste aus der slawisch-deutschen Fiirstenburg
auf dem Weinberg bei Hitzacker (Elbe). Neue Ausgr. u. Forsch. Niedersachsen 15, 1982,
404-405.
12 W. Ladiges/D. Vogt, Die SiiBwasserfische Europas (Hamburg/Berlin 1965) 99.
13 Vgl. hierzu romerzeitliche Parallelen: A. Rolling, Zum Bilch Siebenschlafer (Glis glis).
Germania 64, 1986, 584-588.
14 Vgl. hierzu Ch. v. Waldstein, Die Tierknochen. In: R. Friedrich et al., Die Motte und
Ringmauerburg von Oberursel-Bommersheim. Germania 71/2, 1993, 441-519 bes.
514. - von den Driesch / Manhart 1994 (Anm. 8) 281. - N. Harre, Die Nutzung der Tiere
im Spatmittelalter - untersucht anhand der Tierknochenfunde von der Burgruine
Schnellerts bei Brensbach, Odenwaldkreis. In: M. Kokabi/J. Wahl, Beitrage zur
Archaozoologie und Prahistorischen Anthropologic 8. Arbeitstreffen der Osteologen
Konstanz 1993 im Andenken an Joachim Boessneck. Forsch. Ber. Vor- u. Friihgesch.
Baden-Wurttemberg 53 (Stuttgart 1994) 397-420 bes. 401.
'5 v. Waldstein 1993 (Anm. 14) 513.
16 Vgl. Z. Mechurova/J. Stuchlikova, Konuvky - zanikla stfedoveka ves ve Zdanickem
lese. Stud. Arch. Ustav 27/1 (Brno 1997) 145-146 mit einem Vergleich der Tierknochen
aus der Feste von Konuvky und dem zugehorigen Dorf.
17 Vgl. z.B. Pasda 1999 (Anm. 10) 121-123. - v. Waldstein 1993 (Anm. 14) 511-512. -
A. Hollhuber, „...duo castra Plasenstein..- Die zwei Burgen Blasenstein. Jahrb.
Oberosterr. Musver. 124/1, 1979, 67-104 bes. 9; 103.
18 Vgl. hierzu allerdings schon spatmittelalterliche bildliche Quellen, z.B. in Laurioux
1999 (Anm. 4) 20-21.
19 C.-S. Holdermann/J. Serangeli, Einige Bemerkungen zur „Fl6te" von Divje babe I (Slo-
wenien). Arch. Osterreich 9/2, 1998, 31-38. - W. Hein, Musik in der Eiszeit. Arch.
211
VALESKA BECKER
Deutschland 2002/4, 18-19. - T. Einwogerer/B. Kafer, Die jungpalaolithische Kno-
chenflote der Station Grubgraben bei Kammern. Arch. Osterreich 8/1, 1997, 22-23.
-A. Tamboer, Ausgegrabene Klange. Archaologische Musikinstrumente aus alien Epo-
chen. Kat. Drents Museum (Assen 1999) 10 Abb. 3.
20 Eine Zusammenstellung der Literatur bei G. Moller, Eine Schalmei des 14. Jahrhunderts
aus der Altstadt von Greifswald. Ausgr. u. Funde 39/3, 1993, 138-142 bes. 140 Anm.
5-13.
21 J. Wahl, Ein mittelalterliches Fl6ten(?)-Halbfabrikat aus Menschenknochen. Denk-
malpfl. Baden-Wiirttemberg 19, 1990, 131-134.
22 Fur die folgenden Informationen danke ich den Mitarbeitern des musikwissenschaft-
lichen Instituts der Universitat des Saarlandes, die mir die Feinheiten des Flotenspiels
erklarten und sogar versuchten, den Hutter Floten Tone zu entlocken (leider vergeblich).
23 Mir ist fiir Bayern lediglich eine Flote aus Regensburg, Lederergasse, sowie eine Kern-
spaltflote aus dem Museum Erding bekannt, allerdings mil unbekanntem Fundort und
ohne Datierung. Vgl. M. Wintergerst, Die Ausgrabung „Lederergasse 1" in Regensburg
(1982). Eine formenkundliche Studie zur Keramik des 10.-13. Jahrhunderts in Bay-
ern. Materialh. Arch. Mittelalter u. Neuzeit 4 (Rahden/Westf. 1999) 57 Taf. 138,9. -
Ch. Brade, Die mittelalterlichen Kernspaltfloten Mittel- und Nordeuropas (Neumunster
1975)24; 72.
24 Hoch- und spatmittelalterliche Pfeifen: z. B. Mechurova 1997 (Anm. 16) 253 Taf.
LXIV, 2. - D. Hakelberg, Mittelalterliche Schallgerate von PoBneck-Schlettwein.
Ausgr. u. Funde 39/5, 1994, 253-259; 258 Abb. 5. - J. Boessneck, Vogelknochenfunde
aus der Burg auf dem Weinberg in Hitzacker/Elbe und dem Stadtkern von
Dannenberg/Jeetzel (Mittelalter). Neue Ausgr. u. Forsch. Niedersachsen 15, 1982,
345-394 bes. 376mitTaf. 10, 40. - Tamboer 1999 (Anm. 19) 13 Abb. 11; 14 Abb. 15.
- U. Schoknecht, Knochenfloten von TUtzpatz, Kr. Altentreptow, und Neubrandenburg.
Ausgr. u. Funde 20, 1975, 215-218 bes. 216 mit Abb. 3.
25 Haithabu, Kreis Schleswig: Ch. Brade, Knocherne Kernspaltfloten aus Haithabu. Ber.
Ausgr. Haithabu 12, 1978, 24-35 bes. 26-27 Abb. 1. - Stein an der Donau, Nieder-
osterreich: T. Kreitner, Archaologische Ausgrabungen im Salzstadel von Stein an der
Donau, NO. Arch. Osterreich 4/2, 1993, 44-50 bes. 50 Abb. 8. - Dummerstorf, Kreis
Rostock: U. Lehmkuhl, Knocherne Kernspaltfloten aus Mecklenburg. Ausgr. u. Funde
30/3, 1995, 136-144 bes. 138-139. - Schkeuditz, Kreis Leipzig: W. Bernhardt, Eine
Kernspaltflote von Schkeuditz, Lkr. Leipzig. Ausgr. u. Funde 33/1, 1988, 22-24 bes. 23
Abb. 1,1.-Regensburg: Wintergerst 1999 (Anm. 23)Taf. 138, 9.-Eketorp, Schweden:
K. Borg (Hrsg.), Eketorp III. Den medeltida befastningen pa Oland. Artefakterna
(Stockholm 1998) 314. - Aalborg, Niederlande: Brade 1975 (Anm. 23) 74 Taf. 4,b. -
Lund, Schweden: ebd. 77. - Sigtuna, Schweden: ebd. 80 mit Taf. 9, e. - Lodose,
Schweden: ebd. 80 mit Taf. 8,1. - Birka, Schweden: ebd. 81-82 Taf. 9,h.
26 B. Scholkmann, Mittelalterliches Holzgerat aus Siidwestdeutschland. Zeitschr. Arch.
Mittelalter 10, 1982, 101-131 bes. 108-111 105 Abb. 2.
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